Corto Maltese – Venezianische Legende (1977)

Szenario und Zeichnungen von Hugo Pratt sowie Guido Fuga als Berater bei der Darstellung von Venedig

Diese längere Erzählung umfasst 98 Seiten und erschien kapitelweise im Wochen-Magazin „L’Europeo“ in den Ausgaben 21/22 (Juni 1977).

In dieser grundehrlichen, liebevollen Hommage an seine Heimatstadt schickt Pratt seinen Helden in ein Abenteuer, das das Venedig des Jahres 1921 rekonstruiert: die Lage ist angespannt, der Faschismus macht sich breit, die Freimaurer kämpfen um ihr Überleben. Es ist eine Epoche der Symbole und Narrative, teils esoterischen, teils politischen Ursprungs – alles Komponenten, die in der Geschichte Venedigs schon immer ihren Platz hatten. Corto Maltese ist in die Stadt gekommen, um einen Smaragd zu finden, mit dem man eine magische Formel heraufbeschwören kann: mit diesem Stein, der in den Schriften als "Salomos Schlüsselbein" auftaucht, lassen sich angeblich die Tore zur Magie öffnen. Die Jagd nach dem Smaragd wird von Baron Corvo (so das Pseudonym des englischen Schriftstellers Frederick Rolfe) angestoßen, vom dem Corto Maltese später in der Geschichte noch einen bedeutsamen Brief erhalten wird… Neben dem Schriftsteller Rolfe tauchen in der Geschichte weitere realhistorische Figuren auf, etwa Gabriele D'Annunzio (hier nur „der Dichter“ genannt) oder die jungen Faschisten Stevani und Boselli, die Verwandte von Pratt waren. Außerdem verneigt sich Pratt vor zwei herausragenden Frauen(figuren) Hipatia und Louise Brookszowyc. Die erste Frau basiert auf dem historischen Roman von Charles Kingsley (Hypatia), während die zweite inspiriert ist von der amerikanischen Schauspielerin Louise Brooks und ihre Rollen in „Die Büchse der Pandora“ sowie „Tagebuch einer Verlorenen“ (beide Stummfilme vom österreichischen Hollywood-Regisseur G. W. Pabst) – eine Schauspielerin, die Pratt auch einmal wirklich persönlich kennenlernte, als er sie in ihrem Haus in Rochester, New York, besuchen durfte. Zum Ende der Geschichte gelingt es Corto Maltese tatsächlich, den berühmten Smaragd in Händen zu halten, doch als der Stein seine Wirkung entfaltet, ruft er sich selbst zur Vernunft: „Am Besten versucht man gar nicht erst, verstehen zu wollen. Ich könnte sonst entdecken, dass du aus dem Stoff bist, aus dem die Träume sind.“ Das Gedankenspiel Pratts, den Faschismus und seinen Aufstieg als esoterisches Projekt zu begreifen, das auf die Mythen und Legenden des antiken Roms zurückgreift und gleichzeitig diese ferne Vergangenheit verklärt, ist zum Zeitpunkt des Erscheinens von „Venezianische Legende“ eine bemerkenswerte Beobachtung – und dies gilt auch heute noch. Anmerkung: gesammelt erschien diese Geschichte erstmals in einer wunderbaren Hardcover-Ausgabe im Verlag Milano Libri (April 1979). Es erschienen nur 6.000 nummerierte Exemplare, deshalb ist dieses Buch unter Sammlern ebenfalls sehr begehrt.